Sonderausstellung

Die Philosophie des Barock

Philosophen befruchten
Literatur und Kunst
Philosophie in der Kunst

Dichtende Philosophen

Es ist eine Besonderheit dieser Epoche, dass die meisten Philosophen des Barock auch belletristische Werke geschrieben haben.
Sie sahen darin eine Chance, ihre zum Teil radikal neuen Ideen in verständlicher
und unterhaltsamer Form einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

Starte das Video und höre einige Auszüge, welche die belletristischen Ambitionen der Verfasser illustrieren. Unten findest du die Texte mit Quellenangabe.

Wie kann man den Genuss von Greifenfleisch verbieten, wenn es diese Tiere gar nicht gibt?

Voltaire
„Zadig oder das Schicksal“

Der Mensch ist ein Gott für den Menschen, und: Der Mensch ist ein Wolf für den Menschen;
jener, wenn man die Bürger untereinander, dieser, wenn man die Staaten untereinander vergleicht.

Thomas Hobbes
„Grundzüge der Philosophie“

Ich würde lieber bei einem Abenteuer sterben, bei dem ich Großes vollbringe, als in trister und träger Sicherheit zu leben.

Margaret Cavendish
„The Blazing World“

Der Mensch ist weder Engel noch Tier, und das Unglück will es, dass, wer einen Engel aus ihm machen will, ein Tier aus ihm macht.

Blaise Pascal
„Pensees“

Keine Unterwerfung ist so vollkommen wie die, die den Anschein der Freiheit wahrt.
Damit lässt sich selbst der Wille gefangennehmen.

Jean-Jacques Rousseau
„Emile oder über die Erziehung“

Himmel und Hölle setzen zwei verschiedene Arten von Menschen voraus: gute und böse; aber der größte Teil der Menschen schwankt zwischen Laster und Tugend.

David Hume
„Über die Unsterblichkeit der Seele“

Lasst uns klar vor Augen haben, wer wir sein wollen. Lasst uns unseren Lebensweg selbst wählen und versuchen, diesen Weg mit Blumen zu bestreuen.

Émilie du Châtelet

Der Argwohn ist unter den Gedanken, was die Fledermäuse unter den Vögeln sind: sie flattern stets im Dämmerlicht.

Francis Bacon
„Über den Argwohn“

Die Blätter fallen jeden Winter von den Bäumen. Fünf oder sechs bleiben am Baum hängen und werden zum Spielball der Winde.

Montesquieu
„Vom Geist der Gesetze“

… wir folgen unseren Launen, die wir Vernunft nennen, oder unserer Vernunft, die oft nichts anderes ist als eine gefährliche Laune, die manchmal gut, manchmal schlecht ausgeht.

Denis Diderot
„Jacques der Fatalist“

Dichtende Philosophen
Rousseau als Teenager
Statue von Robert Vernet in Bossey

Philosophierende Dichter

In ganz Europa hält die Aufklärung Einzug in die Literatur. Die Philosophen werden von vielen Dichtern studiert und verehrt, deren Ideen in Belletristik umgesetzt. Satiren, Briefromane und utopische Erzählungen sind besonders beliebt.

Daniel Defoe gilt als einer der wichtigsten Wegbereiter der englischen Aufklärung, da er in seinen Werken den Aufstieg des aufgeklärten, ökonomisch denkenden Bürgertums feierte. Sein berühmtester Roman „Robinson Crusoe“ (1719) ist eine literarische Manifestation des aufklärerischen Vernunftglaubens, in dem ein Individuum allein durch Rationalität, Fleiß und praktischen Verstand die Natur beherrscht und sich eine zivilisierte Existenz aufbaut. Anstelle von religiösem Fatalismus oder höfischen Idealen stellte Defoe den pragmatischen, selbstbestimmten Menschen in den Mittelpunkt und prägte damit maßgeblich das moderne bürgerliche Menschenbild.

All unsere Unzufriedenheit darüber, was uns fehlt, schien mir dem Mangel an Dankbarkeit für das, was wir haben, zu entspringen.

aus „Robinson Crusoe“


Jonathan Swift nimmt in der Aufklärung eine kritische Sonderrolle ein, da er die Epoche nicht als optimistischer Fortschrittsgläubiger, sondern als einer ihrer schärfsten und pessimistischsten Kritiker begleitete. In seinem Meisterwerk „Gullivers Reisen“ (1726) nutzte er die Maske der fiktiven Reiseliteratur, um die blinde Wissenschaftsgläubigkeit, die politische Korruption und die vermeintliche moralische Überlegenheit des europäischen Menschen radikal aufzudecken. Seine bissige Satire hielt der Gesellschaft den Spiegel vor und nutzte damit die Mittel der Vernunft, um das unvernünftige Verhalten der Menschheit gnadenlos zu demaskieren.
Wer es fertig brächte, zwei Kornähren oder zwei Grashalme auf einem Fleck Bodens zu ziehn, wo zuvor nur einer wuchs, der macht sich mehr um die Menschheit verdient und tut seinem Lande einen wesentlicheren Dienst als das ganze Geschlecht der Politiker zusammengenommen.

Dieses Zitat aus „Gullivers Reisen“ wird oft Friedrich II. zugeschrieben.

Mancher hält sich für den Herrn seiner Mitmenschen und ist trotzdem mehr Sklave als sie.

Jean-Jacques Rousseau
„Vom Gesellschaftsvertrag“

Goethe machte daraus:
Niemand ist mehr Sklave,
als der sich für frei hält, ohne es zu sein.

Und Schiller:
Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei
Und würd’ er in Ketten geboren.

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Gotthold Ephraim Lessing war der bedeutendste Dichter der deutschen Aufklärung, er erneuerte die Literatur und das Theater grundlegend im Sinne von Humanität und kritischem Denken. In seinem Drama Nathan der Weise (1779) setzte er mit der berühmten Ringparabel ein unvergängliches Denkmal für die religiöse Toleranz, Humanität und das friedliche Miteinander der Weltreligionen. Indem er das bürgerliche Trauerspiel begründete und durch seine theoretischen Schriften die Dogmen der französischen Klassik brach, erhob er die Bühne zur moralischen Anstalt, die den Menschen zur selbstständigen Vernunft erziehen sollte.
Wann hat, und wo die fromme Raserei,
Den bessern Gott zu haben, diesen bessern
Der ganzen Welt als besten aufzudrängen,
In ihrer schwärzesten Gestalt sich mehr
Gezeigt, als hier, als jetzt?

aus „Nathan der Weise“

Cyrano de Bergerac war ein radikaler Vertreter des frühneuzeitlichen Materialismus und der frühen Aufklärung. Seine Werke enthalten deutliche Kritik an der christlichen Scholastik und die Infragestellung der Sonderstellung des Menschen im Kosmos sowie die Idee eines unendlichen Universums. Berühmt wurde er durch seine satirischen und fantastischen Romane, in denen er fiktive Reisen zur Sonne und zum Mond beschreibt. Sie gelten heute als frühe Meilensteine der Science-Fiction-Literatur.

Alexander Pope gilt als der herausragende englische Lyriker des klassischen Zeitalters der Aufklärung. In seinem berühmten philosophischen Lehrgedicht An Essay on Man (1734) goss er das rationalistische Weltbild der Epoche in meisterhafte Verse und versuchte, die göttliche Ordnung des Universums durch die Vernunft zu erklären. Mit seinen brillanten, treffsicheren Satiren und Aphorismen bekämpfte er die menschliche Unvernunft sowie die Intoleranz seiner Zeit und prägte maßgeblich das intellektuelle Klima des britischen Klassizismus.
Der Teufel ist jetzt weiser als vordem,
er macht uns reich, nicht arm,
uns zu versuchen.

aus „Moralische Essays“

Philosophierende Dichter
Margaret Cavendish „The Blazing World“

Dieses 1666 erschienene Werk der Herzogin von Newcastle ist eine philosophisch-utopische Erzählung über eine Parallelwelt und gilt als das erste eigenständige Werk der Science-Fiction von einer Frau. Margaret Cavendish versucht hier, so wie auch in den von ihr verfassten zahlreichen Gedichten und Theaterstücken, ihre wissenschaftlichen und philosophischen Ideen greifbar zu machen.

Voltaire „Candide oder der Optimismus“

Dieses satirische Werk von 1759 kritisiert die Philosophie des Optimismus, speziell Leibniz, und die gesellschaftlichen Missstände seiner Zeit. Die Hauptfigur Candide reist durch die Welt und erlebt zahlreiche Katastrophen, die seinen Glauben an eine gütige Vorsehung erschüttern. Voltaire verwendet Humor und Ironie, um politische und religiöse Dogmen zu hinterfragen.

Denis Diderot “Jacques der Fatalist und sein Herr”

In diesem um 1770 entstandenen und postum 1796 veröffentlichten Roman reisen Jacques und sein Herr durch Frankreich und streiten dabei über die Frage, ob menschliches Handeln durch Schicksal und Notwendigkeit bestimmt oder frei ist. Diderot durchbricht dabei bewusst die Erzählkonventionen: Der Erzähler kommentiert die Handlung, unterbricht sie und lässt Figuren über ihre eigene Geschichte diskutieren. So wird der Roman selbst zu einem literarischen Experiment über Freiheit, Determinismus, Zufall und die Macht des Erzählens.

Montesquieu „Persische Briefe“

Bei diesem Werk handelt es sich um einen berühmten, 1721 anonym in Amsterdam veröffentlichten Briefroman von Charles de Secondat, Baron de Montesquieu. Das Werk gilt als ein Schlüsseltext der europäischen Aufklärung und nutzt ein cleveres literarisches Stilmittel – den Blick von außen – um die französische Gesellschaft kritisch und satirisch zu durchleuchten.
Die Briefe sparen nicht mit scharfer Satire auf die französische Politik, den Hochmut des Adels sowie die Dogmen und Widersprüche der christlichen Kirche und des Papstes. Das Werk ist ein leidenschaftlicher Aufruf zu Vernunft, Freiheit und religiöser Toleranz.

Jean Jaques Rousseau „Julie oder Die neue Heloise“

Dieser Briefroman über Liebe, Moral und gesellschaftliche Konventionen war eines der erfolgreichsten Bücher des 18. Jahrhunderts. Rousseau entfaltet darin seine Vorstellungen von Natur und Tugend.
Die Figuren stehen im Spannungsfeld zwischen persönlichem Gefühl, gesellschaftlicher Ordnung und moralischer Verantwortung. Der Roman machte Rousseau zu einem wichtigen Wegbereiter der Empfindsamkeit und beeinflusste die europäische Literatur seiner Zeit wesentlich.