al-Andalus

Die Rückkehr der Philosophie nach Europa

Die Vor-Geschichte

Mit dem Niedergang des Weströmischen Reiches ging in Europa das Wissen um die griechische Philosophie weitgehend verloren. Es blieb lediglich eine fragmentarische Überlieferung durch Denker wie Boethius und Augustinus von Hippo bestehen, die das platonische und neuplatonische Denken mit dem christlichen Glauben verknüpften. Philosophie galt fortan als „Magd der Theologie“, sie hatte im Dienst der Glaubensauffassung zu stehen.
Während das christliche Europa intellektuell isoliert war, erblühte im Osten das Islamische Goldene Zeitalter. In dessen Zentren wurden die antiken griechischen Texte systematisch ins Arabische übersetzt und weiterentwickelt. Zentraler Motor dieses Aufschwungs war das im 9. Jahrhundert in Bagdad gegründete Haus der Weisheit (Bait al-Hikma), eine Mischung aus Bibliothek, Akademie und Übersetzungsinstitut. Bevor Philosophie eigenständig weiterentwickelt werden konnte, mussten die griechischen Texte präzise übertragen werden. Viele dieser Pioniere waren syrische Christen, die perfekt Griechisch, Syrisch und Arabisch beherrschten. Im 9. und 10. Jahrhundert wurde begonnen, die frisch übersetzten Texte zu analysieren und eine eigenständige islamische Philosophie (Falsafa) zu begründen.

Avicenna-Skulptur von Ashot Hovhannisyan im Pavillon der Gelehrten, Wien (Geschenk der iranischen Regierung an die UN 2009)
Foto: Yamaha5 (CC BY-SA 3.0)

Die Pionierarbeit dieser Denker führte zu einer Blütezeit von Wissenschaft und Philosophie im 10. und 11. Jahrhundert. Sie brachte Universalgelehrte hervor, die auf den Übersetzungen aufbauten und eigene Systeme schufen, welche später das christliche Europa und dessen Scholastik tief erschüttern sollten. Besondere Bedeutung erlangte der Perser Ibn Sina, genannt Avicenna (ca. 980–1037). Der im heutigen Usbekistan und Iran wirkende Gelehrte war der einflussreichste Philosoph und Arzt des islamischen Ostens. Sein philosophisches Hauptwerk „Das Buch der Heilung“ und sein medizinisches Standardwerk „Kanon der Medizin“ prägten die Wissenschaft für Jahrhunderte. Avicenna schuf eine meisterhafte Synthese aus aristotelischem Rationalismus und neuplatonischer Metaphysik. Seine Gottesbeweise (Gott als das „notwendig Seiende“) wurden später von christlichen Scholastikern wie Thomas von Aquin intensiv diskutiert.

Über Nordafrika gelangte dieses enorme Wissensgut im 10. und 11. Jahrhundert auf die iberische Halbinsel, die in weiten Teilen unter maurischer Herrschaft stand. Die Region al-Andalus, mit Córdoba als kulturellem Zentrum, entwickelte sich zu einer einzigartigen Drehscheibe des interkulturellen Austauschs, an dem Muslime, Juden und Christen gemeinsam wirkten.

3 wichtige Vordenker


Hunayn ibn Ishaq (Johannitius, 808–873), ein nestorianischer Christ, der als der bedeutendste Übersetzer der Weltgeschichte gilt. Er reiste bis nach Griechenland, um fehlerfreie Manuskripte zu sammeln. Hunayn übersetzte (oft zusammen mit seinem Sohn und Neffen) die medizinischen Werke von Galen und Hippokrates sowie philosophische Schriften von Platon und Aristoteles ins Arabische.
Al-Kindi (Alkindus, ca. 801–873) wird ehrfürchtig als der „Philosoph der Araber“ bezeichnet. Al-Kindi war der Erste, der die griechische Philosophie – insbesondere Aristoteles und den Neuplatonismus – systematisch im arabisch-islamischen Kulturkreis einführte.
Al-Farabi (Alpharabius, ca. 872–950): Im Osten wurde er schlicht als „Der Zweite Lehrer“ bezeichnet (wobei Aristoteles als der „Erste Lehrer“ galt). Al-Farabi war ein genialer Logiker. Er schuf die methodische Grundlage, um die aristotelische Logik und Platons Staatsphilosophie mit der islamischen Theologie zu verschmelzen.

Haus der Weisheit in Bagdad – Illustration von Yahyá al-Wasiti (1237)

Von aufgeklärten Herrschern zur Inquisition

Die neuen Ideen von Toleranz und Vernunft hätten sich nicht durchsetzen können ohne Duldung, Schutz und Förderung durch die regierenden Fürsten. Die Regenten im mittelalterlichen Al-Andalus zeichneten sich durch eine außergewöhnliche Förderung der Wissenschaften, religiöse Toleranz und eine rationalistische Kultur aus, die in jener Epoche weltweit ihresgleichen suchte.
Sie verkörperten ähnliche Ideale wie die Vertreter des Aufgeklärten Absolutismus im 18. Jahrhundert.

Abd ar-Rahman III. (912–961) war der erste offizielle Kalif von Córdoba und gilt als einer der tolerantesten und fortschrittlichsten Herrscher seiner Ära. Er beendete interne Unruhen und schuf eine stabile Großmacht. Statt religiöser Dogmen zählte an seinem Hof das Talent; er besetzte Schlüsselpositionen in der Verwaltung und Diplomatie ganz bewusst mit Christen und Juden. Dies zog Gelehrte, Mediziner und Dichter aus aller Welt an.

Al-Hakam II. Denkmal in Cordoba

Sein Sohn Al-Hakam II. (961–976) folgte noch konsequenter dieser Tradition. Dessen Regierungszeit gilt als die Goldene Ära des Wissens in Al-Andalus. Er baute in Córdoba die größte Bibliothek der damaligen westlichen Welt auf, die über 400.000 Bände umfasste. Dazu ließ er Agenten im gesamten Orient nach seltenen Büchern suchen. Er förderte nicht nur die Theologie, sondern auch Astronomie, Mathematik, Medizin und Philosophie. Unter ihm herrschte eine Atmosphäre der geistigen Freiheit, die selbst unorthodoxe Schriften duldete.
Wie verletzlich dieser aufgeklärte Geist war, zeigt sich an den darauffolgenden Herrschern. Schon kurz nach Al-Hakam II. ergriff der Feldherr Almansor die Macht. Um die radikalen religiösen Kräfte zu besänftigen, ließ er einen Großteil der kostbaren philosophischen und naturwissenschaftlichen Bücher der Bibliothek von Córdoba öffentlich verbrennen.

Nach dem Zerfall des Kalifats in Kleinstaaten trat besonders Al-Mu’tamid von Sevilla (1069–1091) hervor. Dieser Herrscher war selbst einer der berühmtesten Dichter seiner Zeit. Er machte Sevilla zu einem Magneten für die geistige Elite der Iberischen Halbinsel. An seinem Hof konkurrierten Denker nicht um religiöse Rechtgläubigkeit, sondern um literarische Eleganz, mathematische Präzision und astronomische Entdeckungen. Die Kultur stand über dem militärischen Zweck.

Der Leuchtturm: Córdoba

„Es hat einen ganz besonderen Augenblick in der Weltgeschichte gegeben, vom 9. bis ins 13. Jahrhundert, als Córdoba mit mehr als einer Million Einwohnern die größte Stadt Europas und das überallhin ausstrahlende Zentrum der Zivilisation war. Die strengsten Naturwissenschaften waren hier nicht von der Weisheit und nicht vom Glauben getrennt; der Osten nicht vom Westen; der Moslem nicht vom Juden und nicht vom Christen.
Hier hat einmal eine echte Renaissance ihren Anfang genommen …“

aus dem Audioguide-Text des Museo Vivo de al-Andalus in Cordoba

Graffiti von Eva Vega in Córdoba zum 900. Geburtstag von Averroes
„Naturgeschichte statt Heilsgeschichte? Eine Unsterblichkeit ohne Seele? Man kann kaum überschätzen, was sich in den Köpfen christlicher Kleriker abspielte, als sie das erste Mal die Texte des Averroës lasen. Der Effekt dürfte nicht kleiner gewesen sein, als wenn jemand, der in einer streng abgeschotteten Diktatur lebt, zum ersten Mal im Internet surft. […] An Aristoteles und seinen arabischen Kommentatoren führt von nun an kein Gedankenweg mehr vorbei. Und die Philosophie des christlich geprägten Mittelalters steht vor einem vollständigen Neuanfang …„

Richard David Precht „Erkenne die Welt“

Die großen 3 von Córdoba

Im Abschnitt „Die Weisen von al-Andalus“ haben wir sie schon vorgestellt, diese Wegbereiter der Debatte um das Verhältnis von Glaube und Vernunft. Ibn Hazm bereitete den Boden für eine rationale Durchdringung der Religion. Averroes verfasste wegweisende Kommentare zu Aristoteles und argumentierte, dass sich philosophische Wahrheit und religiöse Offenbarung nicht widersprechen können, weil beide Wege zur selben Wahrheit führen. Er befreite den Aristotelismus von neuplatonischen Verfälschungen. Fast zeitgleich nutzte der jüdische Philosoph Maimonides in seinem Meisterwerk „Führer der Unschlüssigen“ die aristotelische Logik, um die biblischen Überlieferungen rational zu erklären und den jüdischen Glauben philosophisch zu untermauern.

Denkmäler in Córdoba: Ibn Hazm, Averroes, Maimonides (von links nach rechts)

Die Weisen von al-Andalus

Während das christliche Europa intellektuell isoliert war, erblühte im Osten das Islamische Goldene Zeitalter. In Zentren wie Bagdad wurden die antiken griechischen Texte systematisch ins Arabische übersetzt und weiterentwickelt. Über Nordafrika gelangte dieses enorme Wissensgut im 10. und 11. Jahrhundert nach al-Andalus. Die Region, mit Córdoba als kulturellem Epizentrum, entwickelte sich zu einer einzigartigen Drehscheibe des interkulturellen Austauschs, an dem Muslime, Juden und Christen gemeinsam wirkten.

Pioniere und Universalgelehrte

Die Rationalisten

Die Mystiker und Sufi-Philosophen

Averroes (Ibn Ruschd)
Statue in Cordoba
Kommentar von Averroes zu Aristoteles „De Anima“
Moses Maominides
Statue in Cordoba
Abd al-Rahman III. empfängt den Botschafter am Hof von Córdoba
Gemälde von Dionisio Baixeras i Verdaguer (1885)
Es zeigt eine historische Szene am glanzvollen Hof des Kalifen Abd ar-Rahman III. in der Palaststadt Medina Azahara bei Córdoba. Dargestellt ist der Empfang eines christlichen Gesandten – historisch wird die Szene oft mit dem Besuch des Mönchs Johannes von Gorze im Jahr 953 oder 959 als Botschafter von Kaiser Otto I. in Verbindung gebracht.

Das Museo Vivo de al-Andalus im Torre de la Calahorra an der Römischen Brücke in Córdoba zeigt eine sehenswerte Ausstellung zum geistigen Leben in al-Andalus.

In einem Raum mit Wachsfiguren von Maimonides, Averroes, Ibn Arabi und Alfonso X. werden in fiktiven Dialogen die Ideen dieser Personen wiedergegeben.