* um 490 v. Chr. in Abdera (Griech.)
† um 411 v. Chr.
zählt zu den Sophisten und war einer der einflussreichsten Denker der griechischen Antike.

Protagoras von Abdera zählt zu den Sophisten des 5. Jahrhunderts v. Chr. und war einer der einflussreichsten Denker der griechischen Antike. Er wurde um 490 v. Chr. in der thrakischen Stadt Abdera geboren und starb vermutlich um 420 v. Chr. Über sein Leben ist nur wenig historisch gesichert, da die meisten Informationen aus späteren Quellen stammen, insbesondere aus den Dialogen Platons, der Protagoras zugleich kritisch wie respektvoll darstellt.

Protagoras wirkte vor allem in Athen, dem geistigen und politischen Zentrum der damaligen griechischen Welt. Dort trat er als Lehrer der Sophistik auf, einer Bildungsbewegung, die sich auf Rhetorik, Sprachkunst, Politik und praktische Lebensklugheit konzentrierte. Sophisten wie Protagoras boten ihre Lehre gegen Bezahlung an, was ihnen einerseits große Popularität, andererseits scharfe Kritik einbrachte. Sie vermittelten jungen Männern Fähigkeiten, die für politische Partizipation und gesellschaftlichen Aufstieg entscheidend waren, insbesondere die Kunst der überzeugenden Rede.
Berühmt ist Protagoras vor allem für seinen Leitsatz: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge – der seienden, dass sie sind, der nichtseienden, dass sie nicht sind.“ Protagoras vertritt damit die Auffassung, dass Wahrheit und Erkenntnis stets vom wahrnehmenden Subjekt abhängen. Was für einen Menschen wahr ist, muss es für einen anderen nicht sein. Objektive, für alle Menschen gleichermaßen gültige Wahrheit wird damit grundsätzlich in Frage gestellt.
Diese Position hatte weitreichende philosophische Konsequenzen. Sie stellte die traditionelle Vorstellung einer von den Menschen unabhängigen Wahrheit infrage und verlagerte den Fokus auf menschliche Wahrnehmung, Erfahrung und Sprache. Zugleich bot sein Relativismus eine theoretische Grundlage für Toleranz gegenüber unterschiedlichen Meinungen, Lebensformen und politischen Überzeugungen.
Daneben beschäftigte sich Protagoras auch mit ethischen und politischen Fragen. Er vertrat die Ansicht, dass Tugend (areté) lehrbar sei – eine These, die im Zentrum von Platons Dialog Protagoras steht. Für Protagoras war politische Kompetenz keine göttliche Gabe, sondern eine Fähigkeit, die durch Erziehung und Übung erworben werden kann. Damit leistete er einen wichtigen Beitrag zur demokratischen Ideengeschichte, da er implizit davon ausging, dass alle Bürger prinzipiell zur Teilnahme am politischen Leben befähigt werden können.
Religiös zeigte sich Protagoras agnostisch. In einem verlorengegangenen Werk soll er geschrieben haben, er könne nicht wissen, ob die Götter existieren oder nicht, da sowohl die Unklarheit der Sache als auch die Kürze des menschlichen Lebens sichere Erkenntnis verhinderten. Diese Haltung brachte ihm den Vorwurf der Gottlosigkeit ein und führte zu seiner Verbannung aus Athen. Der Überlieferung nach soll er während einer Überfahrt nach Sizilien ertrunken sein.
Abbildung:
Demokrit und Protagoras – Salvator Rosa (um 1663)
Zitat:
Georg F. W. Hegel: „Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie“