Gottfried Wilhelm Leibniz

* 01.07. 1646 in Leipzig
† 14.11.1716 in Hannover
war einer der bedeutendsten Universalgelehrten der frühen Neuzeit. Er wirkte als Philosoph, Mathematiker, Jurist, Historiker und Diplomat.

Gottfried Wilhelm Leibniz – Andreas Scheits (1703)

Gottfried Wilhelm Leibniz war einer der bedeutendsten Universalgelehrten der frühen Neuzeit. Er wirkte als Philosoph, Mathematiker, Jurist, Historiker und Diplomat und gilt neben René Descartes und Baruch de Spinoza als einer der Hauptvertreter des Rationalismus. Seine Biografie wie auch sein philosophisches Werk sind geprägt von dem Versuch, Wissen zu systematisieren und Gegensätze zu versöhnen.

Leibniz wurde am 01.07.1646 in Leipzig geboren. Sein Vater war Professor für Moralphilosophie, wodurch Leibniz früh Zugang zu philosophischer Literatur erhielt. Bereits als Jugendlicher beschäftigte er sich autodidaktisch mit Logik und Metaphysik. Er studierte Philosophie und Jura in Leipzig und Altdorf und promovierte 1666 im Fach Jura. Schon früh zeigte sich sein interdisziplinäres Denken; Leibniz war überzeugt, dass alle Wissenschaften miteinander verbunden seien und sich gegenseitig bereichern könnten.

Leibniz-Brief von 1716

Beruflich stand Leibniz lange im Dienst des Hauses Hannover, zunächst als Hofrat und später als Bibliothekar. In dieser Funktion reiste er viel durch Europa, knüpfte Kontakte zu führenden Gelehrten seiner Zeit und führte umfangreiche Korrespondenzen. Diese Briefe sind ein wichtiger Bestandteil seines Werks, da Leibniz viele seiner philosophischen Gedanken nicht in systematischen Büchern, sondern in Abhandlungen und Briefen formulierte. Neben seiner philosophischen Arbeit entwickelte er unabhängig von Isaac Newton die Infinitesimalrechnung, was seine Bedeutung auch für die Mathematikgeschichte unterstreicht.

Philosophisch ist Leibniz vor allem für seine Metaphysik der Monaden bekannt. Monaden sind für ihn die letzten, einfachen Bestandteile der Wirklichkeit: geistige, nicht-ausgedehnte Substanzen, die die Welt ausmachen. Jede Monade spiegelt das gesamte Universum aus ihrer eigenen Perspektive wider. Es gibt jedoch keine kausale Wechselwirkung zwischen den Monaden. Stattdessen sind sie durch eine von Gott geschaffene „prästabilierte Harmonie“ aufeinander abgestimmt. Diese Idee sollte erklären, wie Ordnung und Zusammenhang in der Welt möglich sind, ohne auf direkte Wechselwirkungen zurückzugreifen.

Ein weiteres zentrales Element von Leibniz’ Philosophie ist sein Optimismus, der im berühmten Satz von der „besten aller möglichen Welten“ zum Ausdruck kommt, die Gott, als vollkommenes Wesen, notwendigerweise geschaffen haben muss. Übel und Leid seien zwar real, aber Teil eines größeren, insgesamt optimalen Zusammenhangs.

Auch in der Erkenntnistheorie und Logik hatte Leibniz großen Einfluss. Er vertrat die Auffassung, dass es angeborene Strukturen des Denkens gebe, die Erfahrung erst möglich machen. Zudem träumte er von einer universalen Wissenschaftssprache und einer formalen Logik, mit deren Hilfe Streitfragen rational entschieden werden könnten. Damit nahm er Entwicklungen der modernen Logik und Informatik vorweg.

Leibniz lebte am Ende vereinsamt und starb am 14.11.1716 in Hannover, weitgehend unbeachtet von seinen Zeitgenossen.

Theodizee (1710)

Dieses Werk mit dem Untertitel „Über die Güte Gottes, die Freiheit des Menschen und den Ursprung des Bösen“ ist die einzige von Leibniz‘ Schriften, die zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurde. Darin versucht er, das Problem des Bösen mithilfe des Konzepts der besten aller möglichen Welten zu lösen.

lesen bei Zeno

Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand (1705)

In diesem erst 1765 veröffentlichten Essays setzt sich Leibniz in Form eines fiktiven Dialogs mit John Lockes „Essay über den menschlichen Verstand“ auseinander und setzt ihm rationalistische Positionen gegenüber.

lesen bei Zeno

Monadologie (1714)

In diesem Text, der nicht zur Veröffentlichung vorgesehen war, skizziert Leibniz die metaphysische Komponente seines philosophischen Systems, mit dem Begriff der Monade als zentralem Element.

Ehrungen

Mit Leibniz erblühte ein großer Eifer für philosophisches Studium bei den Deutschen.
Heinrich Heine

Gemälde von Andreas Scheits (1703)
Gemälde von Christoph Bernhard Francke (um 1695)
Gemälde von Johann Friedrich Wentzel (um 1700)
Statue an der Universität Göttingen
Statue am Naturhistorischen Museum Wien
Statue am Oxford University’s Museum of Natural History
Statue an der Universität London
Denkmal an der Universität Leipzig

Die Stadt Hannover hat Leibniz in vielfältiger Weise geehrt

Geschichtsfries am Neuen Rathaus – Kurfürstin Sophie setzt Leibniz den Lorbeerkranz auf
Büste von Christopher Hewetson (1789) im Museum Schloss Herrenhausen
Leibniztempel
Er gilt als das erste öffentliche Denkmal in Deutschland für einen Nichtadeligen
Denkmal von Stefan Schwerdtfeger
Briefmarke BRD 1966
Münze BRD 1966
Briefmarke DDR 1950
Münze DDR 1966
Briefmarke Dt. Reich 1926
Briefmarke Rumänien 1966
Briefmarke BRD 1980
Briefmarke St. Vincent 1991
Briefmarke Albanien 1996
Briefmarke BRD 1996

Bildnachweis
Statue Göttingen: Longbow4u (CC SA 1.0)
Statue Wien: Manuela Gößnitzer (CC BY-SA)
Statue Oxford: Andrew Gray (CC BY-SA 3.0)
Statue London: Yair Haklai (CC BY-SA 4.0)
Denkmal Leipzig: GFDL (CC BY-SA 3.0)
Geschichtsfries: Bernd Schwabe in Hannover (CC BY-SA 3.0)
Büste: Holbein66 (CC BY-SA 4.0)
Leibniztempel: Christian A. Schröder (CC BY-SA 4.0)
Denkmal Hannover: Axel Hindemith – gemeinfrei

Zitatnachweis
Heinrich Heine „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“ (1834)

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Denker des Abendlandes: Die ersten Systeme der Philosophie

Wir leben in der besten
aller möglichen Welten

In seiner „Theodizee“ kommt Leibniz zu dem Schluss, dass Gott als vollkommenes Wesen notwendigerweise die beste unter allen möglichen Welten geschaffen habe. Übel und Leid seien darin zwar existent, aber Teil eines größeren, insgesamt optimalen Zusammenhangs. (Originaltext siehe unten)
Diese These hat bei der Nachwelt für große Diskussionen gesorgt.

Voltaire nimmt in seinem Roman „Candide“ in ironischer Weise aufs Korn. Den Weisen Pangloss, der die „Metaphysikotheologokosmonarrologie“ lehrt, lässt er sagen: »Es ist erwiesen, dass die Dinge nicht anders sein können: denn da Alles zu einem Zweck geschaffen worden, ist Alles notwendigerweise zum denkbar besten Zweck in der Welt.« Und zieht die Konsequenz: »das Unglück im Einzelnen eben begründet das allgemeine Wohl, so dass es um das Ganze desto besser steht, je mehr die Übel im Einzelnen sich häufen

Für Arthur Schopenhauer war es gar das einzige Verdienst der Theozidee, dass sie Voltaire Anlass gab, den großartigen Candide zu schreiben. Schopenhauer setzt dem Optimismus von Leibniz entgegen, dass wir wohl eher in der schlechtesten aller möglichen Welten leben:
»Sogar aber läßt sich den handgreiflich sophistischen Beweisen Leibnitzens, daß diese Welt die beste unter den möglichen sei, ernstlich und ehrlich der Beweis entgegenstellen, daß sie die schlechteste unter den möglichen sei. Denn Möglich heißt nicht was Einer etwan sich vorphantasiren mag, sondern was wirklich existiren und bestehn kann. Nun ist diese Welt so eingerichtet, wie sie seyn mußte, um mit genauer Noth bestehn zu können: wäre sie aber noch ein wenig schlechter, so könnte sie schon nicht mehr bestehn. Folglich ist eine schlechtere, da sie nicht bestehn könnte, gar nicht möglich, sie selbst also unter den möglichen die schlechteste.« („Die Welt als Wille und Vorstellung“ Bd. 2 Kap. 46)

Originaltext des § 8 der Theodizee

Or, cette suprême sagesse, jointe à une bonté qui n’est pas moins infinie qu’elle, n’a pu manquer de choisir le meilleur. Car, comme un moindre mal est une espèce de bien, de même un moindre bien est une espèce de mal, s’il fait obstacle à un Dieu plus grand : et il y aurait quelque chose à corriger dans les actions de Dieu, s’il y avait moyen de mieux faire. Et comme dans les mathématiques, quand il n’y a point de maximum ni de minimum, rien enfin de distingué, tout se fait également ; ou quand cela ne se peut, il ne se fait rien du tout : on peut dire de même en matière de parfaite sagesse, qui n’est pas moins réglée que les mathématiques, que s’il n’y avait pas le meilleur (optimum) parmi tous les mondes possibles, Dieu n’en aurait produit aucun. J’appelle monde toute la suite et toute la collection de toutes les choses existantes, afin qu’on ne dise point que plusieurs mondes pouvaient exister en différents temps et différents lieux. Car il faudrait les compter tous ensemble pour un monde, ou si vous voulez pour un univers. Et quand on remplirait tous les temps et tous les lieux, il demeure toujours vrai qu’on les aurait pu remplir d’une infinité de manières, et qu’il y a une infinité de mondes possibles, dont il faut que Dieu ait choisi le meilleur, puisqu’il ne fait rien sans agir suivant la suprême raison.

Diese höchste Weisheit, verbunden mit einer Güte, die nicht weniger unendlich ist als sie selbst, konnte jedoch nicht umhin, das Beste zu wählen. Denn so wie ein geringeres Übel eine Art von Gutem ist, so ist auch ein geringeres Gut eine Art von Übel, wenn es einem größeren Gott im Wege steht: Und es gäbe etwas an Gottes Handlungen zu korrigieren, wenn es eine Möglichkeit gäbe, es besser zu machen. Und wie in der Mathematik, wo es kein Maximum und kein Minimum gibt, nichts, was sich unterscheidet, alles gleich ist; oder wo dies nicht möglich ist, nichts geschieht: kann man dasselbe auch in Bezug auf vollkommene Weisheit sagen, die nicht weniger geregelt ist als die Mathematik, dass Gott, wenn es unter allen möglichen Welten nicht das Beste (Optimum) gäbe, keine einzige geschaffen hätte. Ich bezeichne als Welt die gesamte Folge und Gesamtheit aller existierenden Dinge, damit man nicht sagt, dass mehrere Welten zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten existieren könnten. Denn man müsste sie alle zusammen als eine Welt oder, wenn Sie so wollen, als ein Universum betrachten. Und selbst wenn man alle Zeiten und alle Orte ausfüllen würde, bliebe es dennoch wahr, dass man sie auf unendlich viele Arten hätte ausfüllen können und dass es unendlich viele mögliche Welten gibt, aus denen Gott die beste ausgewählt haben muss, da er nichts tut, ohne nach höchster Vernunft zu handeln.

Ohne Philosophie dringt man niemals auf den Grund der Mathematik.
Ohne Mathematik dringt man niemals auf den Grund der Philosophie.
Ohne beide kommt man auf den Grund von gar nichts.