Realisten vs. Nominalisten: der Universalienstreit im Mittelalter

Wilhelm von Ockham

Realismus
Die Realisten argumentierten, dass Universalien objektive Realitäten sind, die unabhängig von den individuellen Dingen existieren, die sie teilen. Sie betrachteten Universalien als reale Entitäten, die einen objektiven Bestandteil der Welt ausmachen.

Albertus Magnus

Der Universalienstreit im Mittelalter war eine bedeutende philosophische Debatte über die Natur der Universalien. Universalien sind Begriffe oder Eigenschaften, die in mehreren Individuen existieren können, wie z.B. “Menschlichkeit” oder “Rot”. Der Streit drehte sich im Wesentlichen um die Frage, ob Universalien real existieren oder nur als mentale Konzepte in den Köpfen der Menschen vorhanden sind.

Es gab im Mittelalter im Wesentlichen zwei Hauptpositionen

Der Universalienstreit war nicht nur eine akademische Debatte, sondern hatte auch weitreichende Auswirkungen auf andere Bereiche des Denkens im Mittelalter, einschließlich Theologie und Metaphysik.

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Dieser Streit setzte sich in der Neuzeit fort und führte zu dem Gegensatz von „Rationalismus vs. Empirismus“. 

Die Lehre vom Sein

Jede Form von Wissenschaft (Geistes- oder Naturwissenschaft) nimmt für sich in Anspruch, eine Beschreibung der Realität (Wirklichkeit) durch Wissen (Wahrheit) vorzunehmen, um hiermit die Berechtigung für ihren Erklärungs- und Wirkungsanspruch zu begründen. Die Beschreibungen und Erklärungen, welche die Theorien und Modelle liefern, müssen einen realen (durch das Sein begründeten) und wahren (durch die Erkenntnis begründeten) Bezug zur Welt haben, um als allgemein anerkannte Erkenntnis (Wahrheit) gelten zu können.

Die beiden Begriffe “Realität” und “Wirklichkeit” werden sehr häufig gleich bedeutend verwendet, was aber nicht ganz der “Wahrheit” entspricht und auch hier wiederum zu einem Streit “Realismus vs. Idealismus” in der “Realismus-Debatte” geführt hat. Der Begriff der Wirklichkeit wird aber eher mit Dingen in Verbindung gebracht, von denen eine Wirkung/Wechselwirkung ausgeht. Diese Dinge sind meist physikalischer Natur und können als Phänomene beobachtet und gemessen werden.

Der sogenannte Physikalismus (Ullin T. Place/J. J. C. Smart) möchte sich daher nur mit Dingen aus der Wirklichkeit beschäftigen, aus denen er mit Hilfe von Beobachtungen und Verallgemeinerungen die Naturgesetze ableiten kann. Daher geht er davon aus, dass alle Dinge auf ihre physikalischen Eigenschaften reduzierbar sind.

Der mit ihm verwandte Materialismus (Cambridger Platonisten: Henry More/Ralph Cudworth) stützt sich hingegen eher auf den Begriff der Realität. Er möchte alle Vorgänge und Phänomene in der Natur auf Basis der Materie, deren Gesetzmäßigkeiten und Verhältnissen erklären.

Der Naturalismus bildet den Oberbegriff für den Physikalismus und den Materialismus, da er davon ausgeht, dass sich allgemein alles auf Naturgesetze zurückführen und durch die Natur begründen lässt. Die Physik oder die Materie sind also hierein inbegriffen. Das Ursache-Wirkungs-Prinzip wird als allgemeingültiges Gesetz festgelegt. Daher ist der Bereich der physikalischen Phänomene in sich geschlossen und „Übernatürliches“ (Hillary Putnam “no miracle argument”) wird ausgeschlossen.

Die modernen Naturwissenschaften gehen von einem wissenschaftlichen Realismus aus. Die naturwissenschaftliche Methodik verwendet hauptsächlich den Naturalismus, da sie hier die einzige Möglichkeit zur Überprüfung (Falsifikation = Karl Popper) von Hypothesen zur Bildung von Theorien gegeben sieht.

Hillary Putnam

Die Erkenntnislehre


Karl Popper
Die Wissenschaft baut nicht auf Felsengrund. Es ist eher ein Sumpfland, über dem sich die kühne Konstruktion ihrer Theorien erhebt; sie ist ein Pfeilerbau, dessen Pfeiler sich von oben her in den Sumpf senken – aber nicht bis zu einem natürlichen, ‘gegebenen’ Grund. Denn nicht deshalb hört man auf die Pfeiler tiefer hineinzutreiben, weil man auf eine feste Schicht gestoßen ist: wenn man hofft, daß sie das Gebäude tragen werden, beschließt man, sich vorläufig mit der Festigkeit der Pfeiler zu begnügen.


Der Realismus, besonders in der Form des wissenschaftlichen Realismus, geht davon aus, dass eine von uns unabhängige, erkennbare Wirklichkeit vorhanden ist. Die Methode des wissenschaftlichen Realismus untersucht, ob sich wissenschaftliche Theorien mit der Wirklichkeit abgleichen lassen. Falls sich eine Theorie bestätigen sollte, könne man davon ausgehen, dass die beschriebenen Dinge und Vorgänge auch unabhängig von unserer Beobachtung objektiv vorhanden seien.

Der wissenschaftliche Realismus beschäftigt sich mit dem Bereich der Zahlen, Theorien, Gedanken und Ideen oder mit dem Bereich der Objekte, Prozesse, Experimente und Messdaten. Immanuel Kant geht aber davon aus, dass die ersten “Gegenstände” (Zahlen, Theorien, Gedanken und Ideen) nur durch die “intellektuelle” und die zweiten “Gegenstände” (Objekte, Prozesse, Experimente und Messdaten) nur durch die “sinnliche” Erkenntnis zugängig seien.

Die Naturwissenschaften benutzen für ihren intellektuellen Erkenntnisgewinn natürlich auch Zahlen, Theorien, Gedanken und Ideen. Sie möchten diese Bereich aber nicht zu einem eigenen Untersuchungsgegenstand machen und überlässt diesen daher lieber den Geisteswissenschaften. Die primären Quellen für den Erkenntnisgewinn der Naturwissenschaften werden eher in den “sinnlichen Gegenständen”, den Objekten, Prozessen, Experimenten und Messdaten, gesehen.

Wenn man in der Philosophiegeschichte aber zunächst einmal ungefähr 2500 Jahre zurückgeht, kann man die Anfänge des Universalienstreit oder der Realismusdebatte finden. Die Unterscheidung in “intellektuelle vs. sinnliche Gegenstände” kann man hier schon angelegt sehen.

Für den antiken griechischen Philosophen Platon hatten zum Beispiel die “intellektuellen Gegenstände”, die auch gerne allgemein als „Ideen“ bezeichnet werden, noch eine eigenständige Existenz unabhängig von den “sinnlichen Gegenständen”. Daher wird diese Haltung auch gerne als „Begriffsrealismus“ bezeichnet. Platons „Formenlehre“ geht daher davon aus, dass hinter der Wirklichkeit der „Welt der Sinne und des Körpers“ noch eine „andere Realität“ stecken müsse, die er die „Welt der Ideen“ nannte. Man könnte in diesem Sinne Platon durchaus als einen „Urvater des späteren Idealismus“ sehen.

Sein Schüler Aristoteles ging zwar auch von einer Formenlehre aus. Im Gegensatz zu Platon meinte er aber, dass alle endlichen Substanzen aus zwei verschiedenen Prinzipien bestehen würden, nämlich dem Stoff oder der Materie und der Form. Platons „Ideen“ waren für ihn kein eigener Gegenstand, sondern nur die “Form der Dinge” konnte durch eine Beobachtung der Natur erfahren werden. Die Wirklichkeit dieser Dinge wäre von uns unabhängig. Wenn unsere Beobachtungen stimmen, könnten wir hieraus allgemeingültige Gesetze ableiten. Insofern könnte man in Aristoteles auch einen „Pionier des späteren Naturalismus“ der Neuzeit sehen. Doch zunächst lag erst noch ein Mittelalter mit ihrer “Realismus-Debatte”, die zu einem “Universalienstreit” führte.

Der Universalienstreit

„Realismus vs. Nominalismus“

Aus den gegensätzlichen Positionen Platons und Aristoteles entstand später im Frühmittelalter eine “Realismus-Debatte”, die auch später als „Universalienstreit“ bekannt wurde. Die unterschiedlichen Lager in diesem Streit bestanden auf der einen Seite aus den “Universalienrealisten” oder kurz “Realisten” (Thomas von Aquin/Anselm von Canterbury) und auf der anderen Seite standen die “Nominalisten” und “Konzeptualisten” (Roscelin von Compiègne/William von Ockham). Der Streit bestand darin, dass für die Realisten die “Universalien” (Ideen” im Sinne Platons) als Ding an sich schon real waren. Wo hingegen die Nominalisten und Konzeptualisten auf die Vermittlung der Sprache, Logik oder sinnlichen Erfahrung für die Erkenntnis dieser Universalien (“Form der Dinge” im Sinne Aristoteles) bestanden.

Rationalismus vs. Empirismus“

Dieser Streit setzte sich in der Neuzeit fort und führte zu dem Gegensatz von „Rationalismus vs. Empirismus“. Der Auslöser für diesen weiteren „Universalienstreit“ “Realismus-Debatte” kann bei René Descartes Trennung von “denkenden Dingen vs. ausgedehnten Dingen” („res cogitans vs. res extensa“) gefunden werden. Heute bezeichnet man diese Zweiteilung (“Dualismus”) auch als „Geist vs. Materie“.

Die Gruppe der “Rationalisten” (Baruch de Spinoza, René Descartes und Gottfried Wilhelm Leibniz) können als Nachfolger der “Realisten” aus dem Mittelalter angesehen werden. Wohingegen die Gruppe der “Empiristen” (Thomas Hobbes, John Locke) eher mit den “Nominalisten” vergleichbar sind.

Im “Rationalismus” muss die Wirklichkeit nicht erst durch die sinnliche Erfahrung vermittelt werden. Die „Dinge an sich“ können alleine durch “rationales Denken” erschlossen werden, insofern ist der Rationalismus in diesem Punkte mit dem “Realismus” vergleichbar. Dahingegen lehnt der “Empirismus” eine sinnesfreie Deutung der Welt ab. Er sieht eher, genau wie der “Nominalismus”, den Zugang zur Wirklichkeit nur durch eine Vermittlung über die verstandesmäßige Begriffsbildung gegeben.

Immanuel Kant hat sich übrigens in diesen Streit nie eingemischt und auch nicht zu dem Universalienstreit geäußert. Aber seine „Transzendentalphilosophie“ wird gemeinhin als Versuch gesehen, zwischen den beiden Gegensätzen „Rationalismus vs. Empirismus“ zu vermitteln. In seinem von ihm entwickelten „Kritizismus“, versucht er zum Beispiel mit Hilfe der Vernunft durch logisches Schließen zu Erkenntnissen über die Wirklichkeit zu gelangen. Die hierbei aus Vernunftgründen gewonnenen, sogenannten „a priori-Urteile“ sind daher von der Erfahrung oder Wahrnehmung unabhängig.
Der erneute Streit zwischen “Rationalisten” und “Empiristen“ prägt die Wissenschaftstheorie-Debatte über Jahrhunderte entscheidend mit. Kant gelingt es aber leider nicht, die beiden gegensätzlichen Positionen wieder zusammenzuführen. Der Gegensatz verhärtet sich eher noch im späteren „Idealismus vs. Realismus“. Das Grundproblem, inwiefern es eine Realität jenseits der sinnlich-wahrnehmbaren Wirklichkeit geben könnte, die von uns unabhängig ist, bleibt ungelöst. Dieses schwere Erbe wird auch in den modernen, wissenschaftlichen Teildisziplinen den Geistes- und Naturwissenschaften übernommen.

Geisteswissenschaften vs. Naturwissenschaften”

In dem weiteren Verlauf der Wissenschaftsgeschichte bilden sich diese neuen Teildisziplinen “Geistes- vs. Naturwissenschaften” (Wilhelm Dilthey) aus:

“Auch heute scheint noch immer die von Dilthey stammende Gegenüberstellung von Verstehen und Erklären eine große Rolle zu spielen. Es sollte dadurch der Gegensatz zwischen Natur- und Geisteswissenschaften sowohl charakterisiert als auch zementiert werden.” Wolfgang Stegmüller

Eine Arbeitsteilung der wissenschaftlichen Teildisziplinen, den Naturwissenschaften und den Geisteswissenschaften, ist zunächst einmal nicht problematisch. Zum Problem kann diese aber werden, wenn eine von beiden Disziplinen einen Alleinvertretungsanspruch für den wissenschaftlichen Realismus entwickelt. Diese überholte, “künstliche Trennung” in zwei von einander unabhängige wissenschaftliche Teildisziplinen, ist aber auch in Anbetracht der heutigen, immer komplexer werdenden Welt und den damit verbundenen Herausforderungen fraglich geworden. In vielen wissenschaftlichen Projekten ist man daher immer stärker auf eine Interdisziplinarität angewiesen.

Zitatnachweis
Karl Popper (Die Wissenschaft baut nicht auf Felsengrund)Logik der Forschung” (1934) S. 75 f.
Wolfgang Stegmüller (über Dilthey) “Rationale Rekonstruktion von Wissenschaft und ihrem Wandel” (1979) S. 32


Anselm von Canterbury

Nominalismus
Die Nominalisten lehnten die Existenz von Universalien als eigenständige Entitäten ab. Sie argumentierten, dass Universalien lediglich Namen oder Etiketten für ähnliche individuelle Dinge sind, die in der Welt existieren. Für sie existierten Universalien nur im Geist als abstrakte Konzepte.

Roscelin de Compiègne

Der Universalienstreit im Mittelalter war eine bedeutende philosophische Debatte über die Natur der Universalien. Universalien sind Begriffe oder Eigenschaften, die in mehreren Individuen existieren können, wie z.B. “Menschlichkeit” oder “Rot”. Der Streit drehte sich im Wesentlichen um die Frage, ob Universalien real existieren oder nur als mentale Konzepte in den Köpfen der Menschen vorhanden sind.

Es gab im Mittelalter im Wesentlichen zwei Hauptpositionen

Realismus
Die Realisten argumentierten, dass Universalien objektive Realitäten sind, die unabhängig von den individuellen Dingen existieren, die sie teilen. Sie betrachteten Universalien als reale Entitäten, die einen objektiven Bestandteil der Welt ausmachen.

Wilhelm von Ockham

Nominalismus
Die Nominalisten lehnten die Existenz von Universalien als eigenständige Entitäten ab. Sie argumentierten, dass Universalien lediglich Namen oder Etiketten für ähnliche individuelle Dinge sind, die in der Welt existieren. Für sie existierten Universalien nur im Geist als abstrakte Konzepte.

Anselm von Canterbury

Der Universalienstreit war nicht nur eine akademische Debatte, sondern hatte auch weitreichende Auswirkungen auf andere Bereiche des Denkens im Mittelalter, einschließlich Theologie und Metaphysik.

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