Christian Thomasius

* 1. Januar 1655 in Leipzig
† 23. September 1728 in Halle
gehört zu den bedeutendsten Denkern der deutschen Frühaufklärung. Er trug wesentlich zur Entwicklung eines neues Verständnisses von Wissenschaft und Vernunft bei, wonach diese nicht allein der gelehrten Erkenntnis dienen, sondern den Menschen befähigen sollen, vernünftig zu handeln und sein Leben selbständig zu gestalten.

Christian Thomasius auf einem Notgeldschein aus Halle von 1921

Christian Thomasius wurde am 1. Januar 1655 in Leipzig geboren. Sein Vater, ein angesehener Philosophieprofessor und Lehrer von Gottfried Wilhelm Leibniz, vermittelte ihm früh eine umfassende wissenschaftliche Bildung. An der Universität Leipzig studierte Thomasius zunächst Philosophie, Geschichte, Mathematik und Physik. 1672 erwarb er den Magistergrad. Anschließend wandte er sich dem Studium der Rechtswissenschaft zu und setzte seine Ausbildung an der Universität Frankfurt / Oder fort, wo er 1679 zum Doktor der Rechte promoviert wurde.

Nach Leipzig zurückgekehrt, arbeitete Thomasius als Rechtsgelehrter und begann 1680 mit einer eigenen Lehrtätigkeit. Schon bald geriet er in Konflikt mit den konservativen akademischen und theologischen Autoritäten seiner Zeit. Er kritisierte die überlieferte scholastische Gelehrsamkeit und forderte, wissenschaftliche Fragen durch selbstständiges Denken und praktische Vernunft zu prüfen. Besondere Aufmerksamkeit erregte seine Zeitschrift „Monatsgespräche“, die zwischen 1688 und 1690 erschien und wissenschaftliche, gesellschaftliche und politische Themen in einer allgemein verständlichen Sprache behandelte. Dazu schrieb Thomasius später:

„Als ich für ungefähr dreißig Jahren ein deutsches Programm in Leipzig an das schwarze Brett schlug, in welchem ich andeutete, dass ich über des Graciáns Homme de cour lesen wollte, was war da nicht für ein entsetzliches Lamentieren! Denkt doch! ein deutsches Programm an das lateinische schwarze Brett der löblichen Universität. Ein solcher Gräuel ist nicht gehört worden, seit die Universität stand. Ich musste damals Gefahr laufen, dass man nicht gar in feierlicher Prozession das löbliche schwarze Brett mit Weihwasser besprengte.“
(zit. nach Wikipedia, Text an heutige Sprache angepasst)

Marmorbüste in der Kustodie der Universität Halle

Thomasius‘ offene Kritik an der traditionellen Theologie und seine publizistische Tätigkeit führten zu heftigen Auseinandersetzungen. 1690 wurde ihm in Leipzig das Lehren und Publizieren untersagt.

Thomasius verließ Leipzig und ging nach Halle. Dort fand er Unterstützung beim brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III. Halle sollte zum entscheidenden Ort seines weiteren Lebens und Wirkens werden.

1694 wurde die Friedrichs-Universität Halle gegründet. Thomasius gehörte zu den prägenden Persönlichkeiten dieser neuen Universität. Er lehrte dort an der juristischen Fakultät und trug dazu bei, ein neues Universitätsmodell zu verwirklichen; die Universität sollte nicht allein der Pflege überlieferter Gelehrsamkeit dienen, sondern auf das praktische Leben vorbereiten.
Thomasius wurde zu einem der angesehensten Professoren der Universität. 1710 bekleidete er das Amt des Rektors.

Relief am Grab von Christian Thomasius in Halle

Besonders nachhaltig wirkte sein Engagement für eine humane Rechtsordnung. Thomasius wandte sich gegen Folter und Hexenverfolgung und trat für religiöse Toleranz sowie eine klare Unterscheidung von Recht und Moral ein.
In Halle blieb er bis zu seinem Tod am 23. September 1728 wissenschaftlich tätig.

Christian Thomasius gehört zu den zentralen Gestalten der deutschen Frühaufklärung. Sein Werk verbindet Philosophie, Rechtswissenschaft, Ethik, Universität und öffentliche Debatte. Er schuf kein neues philosophisches System, sondern setzte sich für die umfassende Veränderung der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Kultur ein. Thomasius machte Philosophie öffentlich, stärkte die deutsche Wissenschaftssprache, trennte Recht und Moral systematischer voneinander und forderte eine rationalere Rechtspflege.
Hier eine Auswahl aus seinen zahlreichen Schriften.

Welcher Gestalt man denen Frantzosen in gemeinem Leben und Wandel nachahmen solle?

(Titel einer späteren Vorlesung in Leipzig)

Von der Nachahmung der Franzosen

Christian Thomasius veröffentlichte 1687 seine Schrift „Gedancken bey Beywohnung dess Frantzösischen Spectaculi“ bzw. den Diskurs „Welcher Gestalt man denen Frantzosen im gemeinen Leben und Wandel nachahmen solle“ (bekannt als „Von der Nachahmung der Franzosen“). Er beklagt darin, dass sich Deutsche im eigenen Land fremd fühlen würden, weil Sitten, Kleidung und Sprache stark an den französischen Hof angepasst wurden

Monats-Gespräche

Von 1688 bis 1690 gab Thomasius die „Monatsgespräche“ heraus. Die Zeitschrift verband gelehrte Diskussion, Kritik und Unterhaltung. Thomasius wollte nicht nur Spezialisten erreichen, sondern ein breiteres gebildetes Publikum.
Die „Monatsgespräche“ waren damit ein frühes Beispiel für eine neue Öffentlichkeit, in der wissenschaftliche, philosophische, religiöse und gesellschaftliche Fragen außerhalb der traditionellen Universität diskutiert werden konnten.

Einleitung zur Vernunftlehre

In dieser Schrift von 1691 beschäftigte sich Thomasius mit den Regeln des vernünftigen Denkens. Die Vernunft soll den Menschen befähigen, zwischen richtigem und falschem Denken zu unterscheiden und sich gegen Vorurteile und vorschnelle Urteile zu behaupten. Damit verbindet Thomasius die Erkenntnistheorie mit der praktischen Aufgabe, vernünftiges Denken als Voraussetzung für ein vernünftiges Leben zu entwickeln.

Einleitung zur Sittenlehre

In dieser Schrift von 1692 geht es um die Frage, wie der Mensch ein vernünftiges und glückliches Leben führen kann. Das Werk erschien unter dem ausführlicheren Titel Von der Kunst vernünftig und tugendhaft zu lieben.
Für Thomasius besteht das gute Leben nicht einfach darin, äußeren Erfolg oder Reichtum anzustreben. Entscheidend ist vielmehr die Fähigkeit des Menschen, seine Leidenschaften zu beherrschen und sein Handeln an vernünftigen Grundsätzen auszurichten. Besonders wichtig ist dabei der Begriff der Liebe.

Fundamenta iuris naturae et gentium

„Grundlehren des Natur- und Völker-Rechts“ aus dem Jahr 1705 ist das rechtsphilosophische Hauptwerk von Christian Thomasius. Er vertritt darin seine Ansichten zum Naturrecht und trennt dabei das Recht streng von der Moral.

Was du willst,
dass andere für sich tun,
das tu du für dich.
Was du willst,
dass andere dir tun,
das tu du ihnen auch.
Was du nicht willst,
dass man dir tu,
das füg auch keinem andern zu.