Erasmus von Rotterdam

Erasmus von Rotterdam
* um 1466 in Rotterdam
† 12.07.1536 in Basel
war eine Schlüsselfigur der Renaissance und eine herausragende Persönlichkeit des humanistischen Denkens. Seine Lehre prägte die Entwicklung der europäischen Kultur und die theologische Debatte seiner Zeit.

Porträt von Carlo Vandi

Erasmus wurde um 1466 in Rotterdam geboren. In jungen Jahren verwaist, legte er das Mönchsgelübde ab und trat 1486 in das Augustinerkloster in Steyn ein. Im Jahr 1492 wurde er zum Priester geweiht; 1495 ging er zum Theologiestudium an die Universität von Paris, wo er lange genug blieb, um eine lebenslange Abneigung gegen das professionelle Theologiestudium und dessen Neigung zur Dialektik zu entwickeln.
In Paris lernte Erasmus seinen ersten wichtigen Förderer kennen, William Blount, Lord Mountjoy, den er 1499 als Tutor nach England begleitete. Dieser erste, wenn auch kurze Englandaufenthalt erwies sich als entscheidend für Erasmus’ spätere Karriere, da er bei diesem Besuch Thomas More und John Colet, den Gründer der St. Paul’s School in London, kennen lernte.
Im Jahr 1506 brach er zu einer Reise nach Italien auf. In Venedig arbeitete Erasmus mit dem humanistischen Drucker Aldus Manutius zusammen, um 1508 die erste große Sammlung von Sprichwörtern, die Adagiorum Chiliades, zu veröffentlichen.
Von Italien aus kehrte er nach England zurück, wo er lange genug blieb, um das Lob der Torheit (1511) und mehrere pädagogische Schriften zu verfassen, darunter das De ratione studii von 1511, eine vorläufige Fassung seines Handbuchs über das Briefeschreiben De conscribendis epistolis, das erst 1522 veröffentlicht wurde, und die abgeschlossene Fassung von De copia oder Über die Fülle des Stils (1512).

Nach seiner Rückkehr auf den europäischen Kontinent im Jahr 1514 begann Erasmus seine Zusammenarbeit mit dem Schweizer Drucker Johann Froben, für den er 1515 eine erweiterte Fassung der Sprichwörter erstellte. Im Jahr 1517 ließ sich Erasmus in Louvain nieder. Dort wurde er schnell in eine Kontroverse mit der theologischen Fakultät der Universität verwickelt, bei der es um die Rolle der drei Sprachen – Griechisch, Latein und Hebräisch – im Theologiestudium ging.

In den 1520er Jahren geriet Erasmus in einen Streit mit Martin Luther über die konkurrierenden Lehren vom freien Willen und der Prädestination. Erasmus veröffentlichte 1524 seine Schrift über den freien Willen (De libero arbitrio), auf die Luther 1525 mit seiner Abhandlung „Vom geknechteten Willen“ antwortete.
Nachdem Erasmus mit seiner scharfen Kritik an der Kirchenhierarchie und der katholischen Frömmigkeit viele katholische Geistliche verärgert hatte, weigerte er sich, sich den protestantischen Reformatoren anzuschließen, und geriet als Verfechter der Einheit der Kirche durch Versöhnung statt durch Verfolgung oder Reform zunehmend in die Isolation. Erasmus verließ Basel 1529, als sich die Stadt offiziell zur Reformation bekannte, und ließ sich in der katholischen Stadt Freiburg nieder. Im Jahre 1535 kehrte er nach Basel zurück, wo er am 12. Juli 1536 verstarb.

Quelle: Internet Encyclopedia of Philosophy

Adagia

Unter dem Namen “Adagia” brachte Erasmus im Jahr 1500 eine Sammlung antiker Sprichwörter und Redensarten heraus, die er mit Kommentaren versah. Es wurde zu einem seiner erfolgreichsten Werke.

Sehen wir nicht, dass hervorragende Städte vom Volk errichtet und von den Fürsten zerstört werden? Dass ein Staat durch den Fleiß seiner Bürger reich wird, nur um durch Raubgier seiner Herrscher geplündert zu werden?

Lob der Torheit

Die Satire “Moriae encomium” erschien 1511 in Paris. Sie wurde zu Erasmus’ bekanntestem Werk. Auf humorvolle Weise kritisiert er die Ignoranz und Doppelmoral von Kirche und Gesellschaft und ruft zu einem einfacheren, tugendhafteren Leben auf.
Nebenstehend ein Blatt aus einem Exemplar mit Randzeichnungen von Hans Holbein d. J.

Die Torheit tritt auf und spricht: Mögen die Menschen in aller Welt von mir sagen, was sie wollen – weiß ich doch, wie übel von der Torheit auch die ärgsten Toren reden –, es bleibt dabei: Mir, ja mir ganz allein und meiner Kraft haben es Götter und Menschen zu danken, wenn sie heiter und frohgemut sind.

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Die Klage des Friedens

Die bedeutendste seiner Friedensschriften erschien 1511 unter dem Titel “Querela Pacis”. Sie fand großen Widerhall und wurde in alle europäischen Sprachen übersetzt.
Erasmus bezog eine konsequent pazifistische Position und sprach den Herrschenden das Recht ab, aus eigenem Ermessen Kriege zu führen.

Der erste, der es wagte, rein ethische Erwägungen gegen den Krieg geltend zu machen und eine durch ethisches Wollen geleitete höhere Vernünftigkeit zu fordern, war der große Humanist Erasmus von Rotterdam.“
Albert Schweitzer, Rede zur Verleihung des Friedensnobelpreises (1954)

Über den freien Willen

Diese 1524 erschienene Schrift (Originaltitel: “De Libero Arbitrio”) eröffnete einen Streit mit Martin Luther. Im Mittelpunkt stand die Frage nach der menschlichen Willensfreiheit und deren Verhältnis zur göttlichen Gnade.
Weitere Infos liefert unser Exponat “Erasmus vs. Luther: Der Wille ist frei – oder nicht?

Gemälde von Hans Holbein d.J.
Kupferstich von Albrecht Dürer (1526)
Zeichnung von Albrecht Dürer (um 1520)
Statue an der Kathedrale von Canterbury
Statue in der Nationalbibliothek der Niederlande
Bronzestatue in Rotterdam von Hendrick de Keyser (1622)
100-Gulden-Banknote, Niederlande 1953
2-EURO-Münze (2022)
Briefmarke Niederlande 1930
Briefmarke Niederlande 1936
Briefmarke Niederlande 2015
Briefmarke Niederlande 1988
Briefmarke Belgien 1967
Briefmarke Belgien 2011
Briefmarke Ukraine 2016
Briefmarke Spanien 2017
Briefmarke Bhutan 1993
Briefmarken-Block Sierra Leone 2016
Briefmarke Gambia 2000

Bildnachweis
Bronzestatue in Rotterdam: Rijksmonument (CC BY 1.0 DEED)
Statue in der Nationalbibliothek der Niederlande: Vysotsky (CC BY-SA 4.0)
Statue an der Kathedrale von Canterbury: Jonathan Cardy (CC BY-SA 3.0 DEED)
alle anderen Abbildungen: public domain